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Mittwoch, 9. März 2011

Völkermord

Spiegel-online, 09.03.2011, 08:52: „Barack Obama öffnet sich für eine Flugverbotszone über Libyen: Bei einem Telefonat mit Briten-Premier Cameron diskutierten beide offen über diese Option. Noch aber schreckt der Präsident vor einem Alleingang der USA zurück - und erbost damit nicht nur politische Gegner...“
Zeit-online, 05.10.2010, 19:13: Zuschrift von Kleinempfänger, einem Stammleserbriefverfasser des geschätzten Blattes: “Unsere christlich-jüdische Tradition... – In den letzten paar Monaten ist mir schon mehrmals diese Kombination aus den Reihen der CDU aufgefallen... Ob der Islam zu unserer Kultur gehört sei mal dahin gestellt, aber gehört das Judentum in einer Weise zu unserer Kultur, dass eine explizite Nennung sinnvoll ist, wenn es darum geht diese zu charakterisieren? Wenn das Judentum in diesem Zusammenhang genannt wird, was ist dann mit anderen, beispielsweise nicht explizit religiösen, Einflüssen auf unsere Kultur? Wie kommt man in diese privilegierte Position?“
Abgesehen von der jüdischen Heimat Europa, an der weder Anne Frank noch Albert Einstein Zweifel hatten: Mit Bibeltexten kann der Homo occidentalis allen christlich-jüdischen Wurzeln zum Trotz dem Menschenschinder Muammar al-Gaddafi schwerlich beikommen. Es gibt, im Gegenteil, gewisse Verwandtschaften der Weltreligionen, die freilich quellenkritisch – was gilt zu welcher Zeit für wen? – differenziert sein wollen. Rein theologisch betrachtet, sieht es wohl so aus: Nicht nur Allah ist ein kämpferischer Typ, auch Jahwe, der Gott Israels, ruft schon mal zum Völkermord auf (4. Mose 21, 34-35). Und die Feindesfeindschaft des Allmächtigen schlägt selbst bei jenem Rabbi durch, der dann zum Segen der Menschheit die Feindesliebe gepredigt hat. Verwechselt Jesus von Nazareth  doch seinen Freund Petrus, der ihm einen gutgemeinten Rat gibt, mit dem Erzfeind: „Tritt hinter mich, Satan! Du bist für mich eine Ursache des Strauchelns, weil du nicht Gottes Gedanken denkst, sondern die der Menschen.“ (Mat 16, 21-23). Andererseits betrifft Mitgefühl in der Bibel nur die eigenen Leute – auch an den Ufern von Babylon (Psalm 137).

Samstag, 5. März 2011

Ansichten eines Kronzeugen

Ausstieg oder Nicht-Ausstieg: König Abdullah II. von Jordanien, Absolvent der Royal Military Academy Sandhurst, bringt seiner Schwester Iman im Jahr 2000 das Fallschirmspringen bei. Iman soll fit sein, wenn sie selber nach Sandhurst geht. foto: DVA
Ben Ali von Tunesien ist erledigt, Mubarak von Ägypten ebenfalls, der bluttriefende Gaddafi von Libyen lehnt sich noch gegen seinen Untergang auf. Was in Arabien demnächst auf dem Programm steht, weiß (vielleicht) Allah, sonst niemand.* In Amman, über dem die Haschemiten-Flagge weht (124 m über dem Wüstenboden), ist am ehesten zu wünschen, dass die Herrscher-Familie am Ruder bleibt. Sie bemüht sich nun schon in der vierten Generation, Vernunft walten zu lassen. Daran will sich König Abdullah II. halten. Anders als die meisten seiner Kollegen hat er auf der Stelle verstanden, was der Lärm vor seiner Tür bedeutete, und er hat die Regierung ausgewechselt. Mag sein, es klappt tatsächlich; so schön, dass sie bei annehmbarer Lage nicht verzichtbar wären, sind Revolutionen auch für Revolutionäre nicht. Die Flächenbrände nebenan zeigen es.
Am Montag erscheint die deutsche Übersetzung von Abdullahs Autobiographie. Der Titel: Die letzte Chance – Mein Kampf für Frieden im Nahen Osten (DVA, München, 448 S., 22,99 Euro). Ich habe das Buch nicht gerade mit brennender Neugier zur Hand genommen und bin überrascht. Selbstverständlich: Abdullah ist Partei – Partei nicht nur, was Israel angeht, sondern auch im Umgang mit Arabern; er nimmt politische Rücksichten; er will so glänzend wie möglich dastehen. Und: Jüngste Ereignisse lassen einiges in einem anderen Licht erscheinen. Doch dies alles hält sich in Grenzen, die angestrebte Vernunft schlägt durch, der Bekennermut ist erfreulich uneitel, und unterhaltsam ist das Ganze auch noch. Kurzum, Abdullahs Ton überzeugt.
Empfehlung: kaufen, lesen, Einsichten aus den Ansichten eines Kronzeugen gewinnen.
* Peter Scholl-Latour weiß es auch nicht.