Donnerstag, 7. Oktober 2010

Christlich-jüdische Wurzeln

GRABSTEINE IN TREBLINKA                           Foto: deathcamps.org

Das zweite Glied steht auf zum Sturm bereit, die Lanzen gefällt in Richtung Schloss Bellevue. Zielscheibe ist die Brust des Präsidenten, der doch  Parteifreund ist. Christian Wulff hat gesagt, wie Christentum und Judentum gehöre der Islam „inzwischen auch zu Deutschland“. Den Rettern eines christlich-jüdischen Selbstbegriffs in der Union geht der Satz zu weit. Darum lärmen sie. Wolfgang Bosbach steht als Rottenführer zur Verfügung, und das ist das einzige, was beschwichtigen mag. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag gilt als Mann mit Augenmaß, weshalb zu hoffen bleibt, dass er das Schlimmste verhindert.
Darüber hinaus: Christlich-jüdische Wurzeln? Gehören sie wirklich ins Bild, das die Deutschen von sich selber zur Schau stellen sollten?
Zum einen:  Historisch betrachtet, müsste wohl jüdisch vor christlich stehen, denn das Alte Testament ist bekanntlich älter als das Neue Testament. So aber bringen die Floskel im Land,  aus dem Güterwagen der Reichsbahn die Opfer nach Auschwitz, Sobibor oder Majdanek befördert haben, nicht einmal Glaubenskrieger über die Lippen.
Zum andern: Was ist mit der viel beschworenen Würde des Amtes des Bundespräsidenten? Zählt sie plötzlich nicht mehr?
Zum dritten: Was wird aus den Ungläubigen hierzulande? Muss unsereins lediglich Duldung beantragen, oder sollen wir auf der Stelle die Koffer packen?
jn, 7. Oktober 2010

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Unkoscher

Die Sache mit der Jüdin von Sötenich – „so koscher wie eine Portion Kassler“ – hat Henryk M. Broder aufgespießt. Wer sonst? Zu berichten wusste er, von einer Kölnerin namens Edith Lutz, die „vor vielen Jahren zum Judentum konvertiert“ sein wollte, kürzlich als Blockadebrecherin gen Gaza gedampft sei und deswegen eine Menge Lob als Aktivistin besonderen Ranges geerntet habe. Denn: Viele glaubten an den Glaubensübertritt, auch die Redaktionen von Taz und Monitor. Broder hingegen nicht, und als er seine Quellen abgeklappert hatte, sah er seine Zweifel bestätigt. Heute steht im Morgenblatt, wer alles blamiert ist. Sonia Mikisch von Monitor gebührt die saure Gurke für den peinlichsten Versuch, sich herauszureden. Dem Goi ziemt Zurückhaltung: Amüsiert ist er.
Übrigens, verehrter Henryk Marcin Broder: Marcin gleich Martin ist der Name eines der berühmtesten katholischen Bischöfe sowie des Wittenberger Reformators und soll sich vom römischen Kriegsgott Mars herleiten. Nicht ein bisschen Jüdisches also. Haben Sie Ihren zweiten Vornamen deswegen auf M. reduziert?

Montag, 4. Oktober 2010

Nicht gelesen: Fritz J. Raddatz

Giftmolch und Pfau in einer Person unterwegs. Oder: Fritz J. Raddatz über anderer Leute Eitelkeiten: Tagebücher1982-2001 (Rowohlt, Reinbek 2010, 34,95 €). Ein Witz auf 944 Seiten? Truman Capote hat es vorgemacht. Wenn es denn der Selbstbefriedigung dient...
jn, 4. Oktober 2010

Staatsmoral (I): Selber lesen

Gäbe es bei uns einen Preis für die wichtigste Moralpauke der Saison, wüssten wir längst, wer ausgezeichnet würde: Thilo Sarrazin für sein Buch Deutschland schafft sich selber ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Allerdings haben sich mindestens drei weitere Kandidaten zu Wort gemeldet: Peer Steinbrück mit Unterm Strich, Roland Koch mit Konservativ – Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen und die Richterin Kirsten Heisig, die mit ihrem eigenen Leben dann keine Geduld mehr hatte, mit dem Ende der Geduld. Der Preis könnte auf den Namen des Bußpredigers Savonarola getauft werden, den das Volk von Florenz erst in den Himmel hob und nachher hängte, um ihn anschließend zu verbrennen und seine Asche in den Arno zu werfen. Aus Gründen erträglicher Dosierung stehen unter den Kennmarken Staatsmoral II-IV  Steinbrück, Koch und Heisig demnächst auf dem Programm der Randbemerkungen; heute geht es um Sarrazins Deutschland schafft sich selber ab (DVA, München 2010 463 S., 22,99  €, siehe auch meine Einträge vom 3., 6. und 8. September)
Ein Vorspruch der nicht abschrecken, sondern lediglich warnen soll: Das Buch ist so sperrig wie sein Titel. Wie sich herumgesprochen hat, handelt es vom Intelligenzquotien­te­n der Nation.Thilo Sarrazin sieht ihn bedrohlich im Schwinden begriffen und führt ihn partiell auf die Zuwanderung fremder Völkerschaften zurück. Dabei frönt er hemmungslos seiner Vorliebe für Substantive und greift sich vom laufenden Band Zitate und Statistiken, um sie seinen Lesern um die Ohren zu schlagen. Die Pointe liefert jeweils die gemessene Durchschnittsintelligenz. Wer aber die angebotenen Daten persönlich nimmt, dem drängt sich der peinliche Eindruck auf, da behaupte jemand, der Nachwuchs unter dem eigenem Dach werde immer blöder. Daher die nicht enden wollende Aufregung landauf, landab. Gegen sie hilft dann nur die gefestigte Überzeugung, dass du und ich und alle anderen vom Mittelwert die Ausnahme sind, weil dieser Wert nun einmal auf kein Individuum oder nur zufällig auf dieses oder jenes deckungsgleich zutrifft. Als Hilfsargument sei empfohlen, dass sich offensichtlich alle Leute von allen Leuten und sogar eineiige Zwillinge voneinander unterscheiden, und das unabhängig vom Bildungsgrad, von der Zahl der Kinder und Enkel und vom Wohnsitz im Villenviertel oder im Ghetto. (Über Sarrazins Familienleben weiß ich nicht mehr, als dass er verheiratet ist und zwei Söhne hat; er sollte der Einfachheit halber zu Hause mit der von ihm gewünschten jährlichen Erhebung voneinander abweichender Intelligenzpunkte beginnen.)
DVA, 464 S, 29,99 €
Dreizehn Auflagen oder 1,1 Millionen verkaufte Exemplare innerhalb eines Monats verdankt Thilo Sarrazin also weder seinen Thesen, gegen die es Schlagkräftiges einzuwenden gibt, noch seinem Stil, der gewöhnungsbedürftig bleibt. Vielmehr ergibt sich der Erfolg, ob geplant oder nicht, aus einem probaten Mechanismus: Der Fuchs Sarrazin bricht in den Hühnerhof einer Gesellschaft ein, die sich aus diversen Gründen selber unheimlich geworden ist und das Schlimmste befürchtet. Wie dieser Autor auftritt und Widersachern die Stirn bietet, lässt sich vermuten, dass er das sagt, was in der Luft liegt, ob sein Publikum ihn nun richtig versteht oder nicht. Zum  Beispiel sagt er, dass zuwandernde Völkerschaften Probleme einschleppen. Kommen die Migranten etwa nicht von Gott-weiß-wo her und stellen die seltsamsten Ansprüche? Im Beifall geht erwartungsgemäß unter, dass auch Sarrazin Bereitschaft zeigt, darüber zu reden, wie Türken, Araber, Afghanen und Russen ihre Ansprüche rechtfertigen können, wenn sie sich nicht länger auf pure Nächstenliebe verlassen wollen. Sarrazin sagt:  „Ein Konzept, das auf mehr Teilhabe- und Verwirklichungschancen setzt, muss nicht notwendig  als Forderung nach mehr Umverteilung interpretiert werden. Die beste Chancenvermehrung findet daher durch Aktivierung  jedes einzelnen Menschen und seiner Kräfte statt. Wer Amartya Sens Armutsbegriff umfassend interpretiert, müsste eine Armutsstrategie, die im Wesentlichen auf Umverteilung materieller Güter zielt, eigentlich als unzureichend – nämlich als nicht nachhaltig – empfinden.“ (S. 110)
Ein Aufruf zur Debatte, gar zur Verständigung?
Lediglich etwas aggressiv-verschwiemelt vorgetragen?
Es klingt ganz danach.
Wer zum Teufel aber ist Amartya Sen?
SAVONAROLA AUF DEM MARKT VON FERRARA   foto: jn-archiv
Zum Glück haben wir im restlichen deutschen Geistes- und Kulturleben einen Kollegen, der uns alles erklären kann. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat selber ein kluges Buch über ein angrenzendes Problem geschrieben: Das Methusalem-Komplott, in dem er die progressive Vergreisung der Gesellschaft  untersucht. Daher kennt sich Schirrmacher in der Literatur aus, auf die sich Sarrazin stützt, und er nutzt seine Kenntnisse weidlich beim Befragen des Gesprächspartners nach dessen Quellen. Das auf zwei Zeitungsseiten ausgebreitete Ergebnis ist geeignet, die absatzfördernde Unruhe wachzuhalten, wobei Sarrazin selber einräumt, dass er sich mit einem mulmigen Gefühl in dieses Interview begeben hat: Angesichts heftiger Angriffe richte ihn der Beifall des Publikums gewiss auch auf. Aber: „...die Intensität der positiven Emotionen beunruhigt mich auch etwas.“
Mehr nicht zum unangenehmen Applaus von verdächtiger Seite?
Nach einigen Zeitungsspalten des Dialogs über die Quellen versucht Frank Schirrmacher noch einmal, den Bußprediger zu stellen: „Sie schreiben, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts habe man über dysgenische und eugenische Prozesse nicht mehr gesprochen. Aber sie erwähnen nicht, warum das so war – schließlich war da etwas zwischen 1933 und 1945... Es muss doch einen Grund haben, dass Sie das nicht erwähnen? Und zwar gerade, wenn Sie von der wissenschaftlichen Evidenz überzeugt sind. Sie können doch auch von der Spaltung des Atoms nicht sprechen, ohne Hiroshima zu erwähnen?“
Wieder verharrt Sarrazin im Nebulösen und verschanzt sich hinter Zitaten. Wie es aussieht, will er partout nicht mit der Sprache heraus.
Ein Rassist?
Eher nicht; nur ein bisschen vernagelt.
Das Prinzip einer absatzfördernden permanenten Aufregung? Es wäre nicht unklug, die Debatte jetzt sich selber zu überlassen. Die Gemüter sind eingestimmt, der Widerspruch hat sich eingespielt, der deutsche Wortschatz hat bereits Zuwachs – von Sarrazinaden ist die Rede. Der Savonarola-Preis wäre zweifellos fällig. Widersprüche richten in diesem Stadium der Auseinandersetzung erfahrungsgemäß nur noch wenig aus. Und: Thilo Sarrazin sagt ja auch Richtiges, und dass er einer heilsamen Debatte Bahn gebrochen hat, wird sein Verdienst bleiben. Zu empfehlen bleibt nur noch, das Buch genau zu lesen – nicht nur die Kapitel 3, 6 und 8, sie allerdings mit besonderer Skepsis.
jn, 2. Oktober 2010

Donnerstag, 30. September 2010

Schill ad portas

ein Schrecken in der Morgenstunde: Ich überquere zu Fuß eine Kreuzung. An der Ampel wartet ein Truck, der die Route 66 mühelos bewältigen würde. Ebenso voluminös wie sein Fahrzeug thront der Fahrer hinter dem Steuer. Im Fenster vor sich hat er die BILD-Zeitung ausgebreitet, als wäre ihre Balken-Überschrift die Freudenbotschaft des Tages an mich, den Mann aus dem Volke: Schill zurück in Hamburg. Daneben prangt ein Foto Schills. Der Rechts-außen-Senator, mit dessen Hilfe sich der weiland Hamburger Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) an der Macht gehalten hat,  bis ihm der Kollege sittlich-moralisch ans Leder wollte, trägt Al Capones Sonnenbrille auf der Nase.
BILD im Fenster eines Ritters der Straße als Schills mobile Plakatsäule? Ich darf behaupten, dass ich von Natur nicht sonderlich ängstlich bin, aber der Anblick reicht für eine Gänsehaut.
Mit den besten Grüßen Ihr Jost Nolte

Mittwoch, 29. September 2010

Die Vergewaltigungen waren der Fall

Die Nation scheint mit der Debatte über ihre Gegenwart und die andrängende Zukunft ausgelastet zu sein. Politrentner, die uns die Lage erklären, halten uns in Atem. Doch nach wie vor wartet auch in den Archiven der Zeitgeschichte Arbeit. Der Verfassungsjurist Ingo von Münch verlangt, dass über die Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45 gesprochen wird: Ein Buch (208 S., 19,90 €, Ares-Verlag, Graz) und ein Briefwechsel

Lieber Herr von Münch,
offene Worte können Freundschaften kosten, zumal dann, wenn Schriftsteller sie an Kollegen richten. Ich habe da leidige Erfahrungen. Sie besagen: Auf Kritik so professionell zu reagieren wie Goethe auf Schillers Beanstandungen des Wilhelm Meister, bringen nur wenige fertig – siehe den Briefwechsel der Dioskuren. Doch keine Sorge, ich ziehe nicht gegen Ihr Buch zu Felde, weder gegen die Machart noch gegen Ihre Überzeugungen. Unter der Überschrift Frau, komm! collagieren Sie Berichte über Massenvergewaltigungen deutscher Frauen 1944/45 und damit Taten, die nach heute geltendem Völkerrecht Verbrechen sind und nach Ihrer Rechtsauffassung schon nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 verboten waren. Und: Sie verlangen, dass über diese Taten – wenn sie schon nicht gesühnt werden – wenigstens geredet wird. Sie halten sich an ernstzunehmende Quellen und kommentieren sie angemessen. Trotzdem machen mir einige Fragen zu schaffen, und die haben mit persönlicher Erfahrung zu tun.
Eine Szene, die sich Anfang Februar 1945 im klirrend kalten Pommern abgespielt hat: Unsere Schwadron, sie gehört zum Stolper Reiterregiment 5, erhält den Befehl, ein Dorf zu räumen, in dem sie auf dem Weg zur Front Quartier gemacht hat. Wir satteln die Pferde, sitzen auf und reiten in Richtung Westen. Zurück bleiben Frauen, Alte und Kinder, denen Hitlers Gauleiter verboten hat, rechtzeitig auf den Treck zu gehen. Was geschieht, wenn jetzt die Russen nachrücken, weiß jeder. Dafür hat der Reichspropagandaminister Goebbels schon nach dem Massaker von Angehörigen der Roten Armee im ostpreußischen Nemmersdorf im Oktober 1944 gesorgt, unmittelbar nach den ersten Gewalttaten der Sieger auf deutschem Boden, und diese Untaten wiederholen sich tagtäglich, seit die Rote Armee unaufhaltsam nach Berlin marschiert.  Niemand zweifelt daran, dass die Menschen in dem Dorf, das wir im Morgengrauen räumen, das gleiche Schicksal erwartet. Eine Frau läuft der abrückenden Schwadron nach, bleibt schließlich erschöpft und verzweifelt stehen, breitet die Arme aus und schreit: „Ihr könnt uns doch nicht allein lassen!“ Wir haben Befehl, sie allein zu lassen, und wir gehorchen. Was aus dieser Frau geworden ist, weiß ich nicht; wie sie in Eis und Schnee auf der Dorfstraße stand und schrie, habe ich noch heute vor Augen und im Ohr.
Jahre später habe ich mich dann durch die acht Bände der Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa gegraben. Die Historiker Theodor Schieder, Werner Conze, Hans Rothfels und andere hatten sie im Auftrag des Bundesministers für Vertriebene Theodor Oberländer erstellt. Der Minister saß in zwei Kabinetten Konrad Adenauers, bevor ihn, wie man es zutreffend nannte, seine Vergangenheit einholte. Den Nazis war er schon 1923 beim Marsch auf die Feldherrnhalle zugelaufen. Im Dritten Reich hatte er ihnen die sogenannte Ostforschung organisiert. Seine Vertriebenenpolitik war so gerade gekämmt wie sein Scheitel. Wie einige seiner Hilfswilligen waren die Historiker Schieder und Conze mit befleckter politischer Weste aus der Diktatur in die Demokratie übergetreten. Rothfels, 1934 als Jude von seinem Königsberger Lehrstuhl  gejagt, 1939 emigriert und 1951 nach Deutschland zurückgekehrt, passte insofern in die Gesellschaft, als er streng konservativ dachte und Kommunisten nicht ausstehen konnte. Wie zu erwarten war, schlug dem Gemeinschaftswerk der Gelehrten Misstrauen entgegen, aber sie beherrschten ihr Fach und hatten gelernt, vorsichtiger zu argumentieren als dazumal. Darum hatte Thomas Darnstädt recht, als er im Spiegel befand, die Dokumentation sei “eine der beeindruckendsten Sammlungen über das Elend am Ende des Krieges“.
Flüchtlingsfrauen im Frühjahr 1945                Foto: Ares-Verlag.com
Doch die Sammlung war nicht nur beeindruckend, sie war unerträglich, und das nicht so sehr wegen des Verdachts auf Manipulation seitens der Mitwirkenden. (Zum Beispiel blieben die Todesmärsche unerwähnt, auf denen die SS Häftlinge der Konzentrationslager vor der näherrückenden Front hergetrieben hatten und die – nicht nur aus der Vogelperspektive – eine Sonderform der Vertreibung gewesen waren.) Unerträglich waren die versammelten Berichte vor allem deswegen, weil in ihnen eine Gewaltszene nach der anderen Revue passierte und weil die Untaten nicht nur den Opfern den letzten Rest von Würde raubten; sie entwürdigten, auch die Täter.
Heinrich Himmler hatte geschworen, die Vernichtung von Juden, Bolschewisten  und anderen Feinden des Nazi-Reichs bleibe für ewige Zeiten ein Ruhmesblatt der SS, und die SS hatte es ihrem Reichsführer geglaubt. Sie war also offenbar im Besitz ihrer Würde geblieben. Allerdings redeten die SS-Leute nicht von Würde, sondern von Ehre. Anders die Bolschewiki. Sie hatten nicht nur Zar, Adel, Bürger und Bauer  in der Oktoberrevolution besiegt, sondern auch ihre Mitrevolutionäre, und sie setzten von Stund an alles daran, das Volk zu entmündigen. In den dreißiger Jahren lief Stalin zu patriotischer Form auf, und sein Großer Terror gab den Menschenrechten in der Sowjetunion den Rest. 1941 überfielen Hitler und seine Wehrmacht Stalins Reich, erklärten dessen Bewohner zu Untermenschen und töteten und versklavten sie nach Belieben. Als die Wehrmacht vor Moskau umkehren musste, übernahmen die Kommissare und Propagandisten des Machthabers im Kreml wieder die Regie. Sie verstanden sich auf Gehirnwäsche. Die Rotarmisten, die auf deutschen Boden stürmten, kannten nur noch zwei Gefühle – Hass und aufgestaute Geilheit. Sie waren auf Gewalt dressiert: In dieses Schema, so meine ich, lassen sich die Ereignisse fügen. Die Skizze entschuldigt kein Ver­brechen, aber sie erklärt einigermaßen, wie es zu Übergriffen der Sieger und zur Massenvergewaltigung der Frauen kommen konnte und – nach dem Gesetz von Tragödien – wohl sogar kommen musste.
Verehrter Ingo von Münch, die Frage, was Ihr Versuch ergibt, die Massenvergewaltigungen mit Juristenverstand noch einmal anzugehen, müssen Ihre Kollegen in der Fachschaft Völkerrecht beantworten.  Ausgeschöpft war die Schreckensgeschichte ganz gewiss nicht, und Ihre Argumente sind aller Ehren wert. Nur stehen der Beschäftigung mit dem Thema instinktive Abwehrreaktionen entgegen: Widerwille, Abscheu, Ekel.
Meinerseits habe ich damals vor den Tatsachen kapituliert, die Oberländers Historiker aufgetürmt hatten. Ich habe das Grauen nicht in den Griff bekommen, das Grauen hat mich geschafft, und ich beschloss, den Stoff nie wieder anzufassen. Diesem Vorsatz aus Notwehr bin ich treu geblieben, bis ich mich jetzt mit Ihrem Buch beschäftigt habe.
Mein Resumee:  Es gibt die Darstellungsdefizite, die Sie beklagen, und es gibt nach wie vor blödsinnige Ansichten. Sie arbeiten beides mit der gebotenen  Sachgerechtigkeit auf. Doch die alten Gefühle weckt schon das Bild auf dem Titel: Zwei Rotarmisten, Papyrossi im Mund, zerren an einer Frau, der eine hat die freie Hand am Hosenschlitz... Womit ich beim Ares-Verlag angelangt bin. Dass Sie ihm leichtfertig Ihr Buch gegeben haben, haben Ihnen Kritiker schon vorgehalten, und unbedacht war es tatsächlich. Ares war ja nicht nur der griechische Gott des Krieges, sondern auch der „Inbegriff des blutigen Schlachtenmordes und des wütenden Kampfgetümmels“. (So der Kleine Pauly, Bd. 1, Sp. 526.) Anders gesagt: Ares ist der Gott der Kriegsverbrecher, und wer einen Verlag nach ihm benennt, muss sich dabei wohl etwas gedacht haben. Den Leuten in Graz, denen dies eingefallen ist, verstehen sich aufs Büchermachen; ihre Titel sorgen dennoch für Gänsehaut:  Sniper – Militärisches und polizeiliches Scharfschützenwis­sen kompakt. Oder: Panzer – Vom Ersten Weltkrieg bis heute. Das schmeckt nach Landserheft auf höherem Niveau. Oder auch: Carl Schmitt: Internationale Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur, ein Werkverzeichnis des Staatsrechtlers Carl Schmitt, von dem der Verlag behauptet, er gelte „wegen seiner Kritik an den Verfassungsgrundlagen der Weimarer Republik bzw. wegen seines anfänglichen Engagements für den Nationalsozialismus in gewissen Kreisen (als) umstritten“.
Anfängliches Engagement?
Gewisse Kreise?
Mit diesen Floskeln will der Verlag offenkundig von vornherein klarstellen, dass Alain de Benoist, der Urheber der wissenschaftlichen Handreichung, strikt anderer Denkungsart sei. Lieber Ingo von Münch, die Lehre heißt: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern...Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Offenheit nicht übel.
Herzlich Ihr Jost Nolte


INGO VON MÜNCH ANTWORTET
Lieber Herr Nolte,
haben Sie vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Ich wäre froh, wenn durch sie eine Debatte über Frau, komm! beflügelt würde. Aber im Einzelnen:
1. Sehr eindrucksvoll ist die Schilderung Ihrer eigenen Erfahrung im Februar 1945. Eine solche Szene kann man in der Tat wohl nicht vergessen.
Ingo v. Münch
                Foto: Ares-Verlag.com
2. Ihre Skepsis hinsichtlich der Schilderungen in der Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa – Sie schreiben sogar von einem Verdacht auf Manipulation, teile ich nicht. Was darin gesammelt ist, können Sie auch bei Kempowski, Kopelew und Solschenizyn finden. Die Tatsache, dass der damalige Bundesminister unseligen Angedenkens Theodor Oberländer der Auftraggeber war, liefert  genau so wenig einen Grund, die Arbeit der Wissenschaftler zu kritisieren, wie es sich geziemt hätte, einem Gutachter des Auswärtigen Amtes anzukreiden, dass dessen Außenminister Steinewerfer gewesen war – wenn er es dann gewesen sein sollte.
3. Die von Ihnen erwähnten, in jener Dokumentation nicht genannten Todesmär­sche von KZ-Häftlingen waren etwas ganz anderes – nämlich viel Schlimmeres als die Vertreibung; sie gehören deswegen meines Erachtens in eine Dokumentation der SS-Verbrechen, nicht aber in die Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa.
4. Dass die Tragödie antiken Ausmaßes, welche die Massenvergewaltigungen  gewesen sind, „sogar so kommen musste“, sehe ich nicht. Die russischen Soldaten waren nicht – wie die Nazis behaupteten – Untermenschen; sie waren Menschen, und viele von ihnen hatten Frauen und Töchter. Stalin und die russische Generalität  hätten die Orgie der Gewalt stoppen können. Sie wollten es nicht.
5. Dass es in Rostock noch eine Ilja-Ehrenburg-Straßen gibt, benannt nach Stalins schärfstem Propagandisten, und dass die SPD und die Linkspartei eine Umbenennung verweigern, finde ich geradezu pervers. Dies unabhängig davon, ob das Flugblatt mit dem Text Brecht den Hochmut der germanischen Frauen! von Ehrenburg stammt oder, wie Ehrenburg behauptet hat, von Goebbels. Man nehme irgendein anderes Pamphlet aus der Feder Ehrenburgs und ersetze darin das Wort Deutsche – merke: nicht etwa Nazi oder deutsche Soldaten – durch Russen, und man sieht, wie mörderisch diese Flugblätter waren und von manischem Hass erfüllt.
6. Das Foto, das der Verlag auf den Titel meines Buches gesetzt hat, ist ein Foto,  und es bildet Realität ab. Soll dieses schon häufig veröffentlichte Zeitzeugnis versteckt werden? Revisionismus?
7. Ich habe zwanzig (!) deutschen Verlagen, darunter großen und hochangesehenen Häusern, geschrieben oder mit ihnen telefoniert und ihnen mein Buch angeboten. Ohne Erfolg. Die meisten haben das Manuskript abgelehnt, ohne es gelesen zu haben. Ich musste daraus schließen, dass schon das Thema nicht in die Zwangsjacke der herrschenden political correctness passte. Dann habe ich das Buch dem Ares-Verlag gegeben, der sich, wie Sie einräumen, aufs Büchermachen versteht und für dessen Programm ich im Übrigen nichts kann.
Lieber Her Nolte, wir zanken nicht, wir debattieren, und das gefällt mir.
Ihr Ingo von Münch


WIDERWORTE GEGEN WIDERWORTE
Lieber Herr von Münch,
natürlich sind mir Widerworte eingefallen. Zum Beispiel lassen sich die braunen Flecken von den Westen der hilfswilligen Historiker Schieder und Conze so wenig wegdiskutieren wie von den Sabberlätzchen verwandter Seelen im Dienst des Ministers Oberländer (siehe: Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, Beiheft 10 der Historischen Zeitschrift). Der Jurist Ingo von Münch entgegnet darauf: Restbestände völkischen Gedankenguts von Historikern in der Nachkriegszeit  hin oder her, die Dokumente, die sie gesammelt haben, sprechen eine eindeutige Sprache, und sie beweisen, dass es die grässlichen Ereignisse, von denen in ihnen die Rede ist, gegeben hat. Oder um mit Wittgenstein zu sprechen: Die Vergewaltigungen waren der Fall. Darum sind wir tausenden Frauen und Mädchen unser Mitleid schuldig.
Das ist vom ersten bis zur letzten Buchstaben richtig. Nur leider sagt es über das Befinden der Geschichtswissenschaft nach 1945 eine Menge, wer da das Wort geführt hat, und wir haben darauf zu achten, in welchem Fahrwasser wir uns bewegen, wobei ich auch nicht im Entferntesten daran denke, das eine auf Grund des anderen zu relativieren.
Und noch etwas: Sie raten mir, mich von Kempowski,  Kopelew und Solschenizyn überzeugen zu lassen, wer recht hat. Tatsächlich kenne ich mich bei diesen Autoren ganz gut aus, und ich bewundere die Wahrheitsliebe, deretwillen sie viel gewagt haben und die sie viel gekostet hat. Erwähnt habe ich sie nicht, weil mein Text andernfalls noch länger geraten wäre. Darum ist auch der springende Punkt außer Acht geblieben: Bewunderung entbindet nicht von der Pflicht zur Quellenkritik.
Mit seiner Quellenkritik konzentriert sich der Autor von Frau, komm! auf Ilja Ehrenburg. Der erschreckend bedenkenlose Propagandist der Gewalt hat sich ganz gewiss selber zuzuschreiben, wie er vor der Geschichte dasteht. Aber wiederum ein Nur: Auch Ehrenburg hatte Beweggründe, und er hat Anspruch darauf, dass sein jüdisches Schicksal wenigstens erwähnt wird. Es war jüdisch, obwohl er vom jüdischen Gott nichts wissen wollte.
Lieber Ingo von Münch, lassen wir es mit diesen Bemerkungen genug sein, und vertrauen wir darauf, dass die Debatte um sich greift, die Sie sich mit Recht wünschen.
Ihr Jost Nolte



Freitag, 24. September 2010

Hamburg spart

Max Brauers Grab in Altona             foto: jn-archiv

Das haben nun die Altonaer davon, dass Ole von Beusts Amtsmüdigkeit Hamburg einen Heidelberger als Ersten Bürgermeister beschert hat:  Zwar ist die Ehefrau des landfremden Christoph Ahlhaus Lizenzmarketingleiterin und müsste von Berufs wegen das Ohr am Mund des Volkes haben. Zudem sieht sie verblüffend hamburgisch aus. Sollte sie sich jedoch an der Elbe besser auskennen als der Gatte, muss sie ihm verschwiegen haben, dass ungestraft niemand den Leuten hinter der Großen Freiheit den Rest ihrer Identität raubt – den ihnen nach Hitlers Eingemeindung Altonas in Hamburg anno 1937 verbliebenen Rest von Selbstbewusstsein, den bis dato das Altonaer Museum beherbergt und der nun den über die Hansestadt hereingebrochenen Sparzwängen  geopfert werden soll.
Davon, dass die Arbeit am Milliardengrab der Elbphilharmonie eingestellt werden oder wenigstens vorübergehend ruhen soll, hören wir hingegen nichts. Da liegt die Vermutung nahe, dass sich Ahlhaus sub specie aeternitatis etwas Abglanz vom Ruhmestempel sichern möchte, den sich sein Vorgänger so wagemutig errichten wollte. Max Brauer aber, Vorvorgänger von Beust und Ahlhaus, als letzter preußischer Oberbürgermeister von Altona 1933 von den Nazis aus dem Amt gejagt und 1945 zum ersten Nachkriegs-Präsidenten des Hamburger Senats bestellt, muss sich im Grabe umdrehen.  Brauer nämlich ließ sich nicht etwa auf Hamburg berühmtem Totenacker in Ohlsdorf die letzte Ruhestätte bereiten, sondern auf dem Altonaer Hauptfriedhof.
Der Rest des Hamburger Sparprogramms? Das Deutsche Schauspielhaus soll 1,2 Millionen Euro oder die Hälfte seines künstlerischern Etats sparen und der größten deutschen Bühne ist deswegen der Intendant abhanden gekommen?  Na wenn schon! Der verschwundene Herr Schirmer hat ohnehin mehr und mehr darauf verzichtet, sich ums Dramatische zu kümmern und stattdessen im Handbetrieb Spielvorlagen nach  eigenem Gusto zusammenschustern lassen, was den eigenen kreativen Ehrgeiz sowie den Bedarf auf Zubrot der Mitarbeiter befriedigt haben mag, aber dem Wohl von Kultur und Publikum nur begrenzt diente. Weit bedenklicher ist da, dass die Hamburgischen Bücherhallen auf fünf Millionen Euro verzichten oder sie selber einspielen sollen. Nach der Selbstentleibung des literarischen Theaters  nämlich waren die Stadtbibliotheken – neben dem Buchhandel und dem Literaturhaus mit seinen Gastauftritten von Literaten – die letzte Chance für Hanseaten herauszufinden, was Dichtung und Literatur eigentlich sein mögen, was ja seit Aischylos nicht die unwichtigste Aufgabe von Bühnen gewesen ist.
Ps.: Hamburg hat auch einen Kultursenator. Er heißt Reinhard Stuth, ist in der Hansestadt geboren, betätigt den Rotstift aber offenbar lieber im Verborgenen.
jn, 24. September 2010