Donnerstag, 23. September 2010

Feuer unterm Dach?

„Ich lebte in Deutschland, dem besten Land, das es gab, in Lichterfelde, dem besten Villenvorort seiner Hauptstadt, im besten Haus mit dem schönsten Garten weit und breit… Wenn ich mir das abends vor dem Schlafengehen vorsagte, war ich zufrieden mit der Welt und dem lieben Gott sehr dankbar.“ So steht es in den 2004 postum erschienenen Heimlichen Erinnerungen Julius Poseners. Der Schüler des großen Architekten Hans Poelzig riss sich beizeiten von Deutschland los, emigrierte erst nach London und dann nach Palästina und meldete sich 1941 freiwillig zur Royal Army, um gegen Hitler zu kämpfen. Nach dem Krieg unterrichtete er in London und in Kuala Lumpur Architekturgeschichte. 1961 erhielt er einem Ruf der Berliner Hochschule für Bildende Künste und kehrte an die Spree zurück. Julius Poseners Sohn Alan Posener, 1949 in London geboren, wurde Publizist.
Die Überzeugungen von Posener jr., der für die WELT arbeitet, sind nicht jedermanns Sache, aber sie entspringen Erfahrungen, die ernstgenommen werden wollen, und er hat den Kopf, sie zu verfechten, was auch dann gilt, wenn der zuerst und zuletzt politisch argumentierende Zeitungsmann im Feuilleton seines Blattes als Theaterkritiker gastiert und ein gequälter Intendant Zeter und Mordio schreit. Wie Bühnenkunst aussehen müsste, die ihm gefallen könnte, weiß Posener jedenfalls, und sie ist offenbar das Gegenteil von allem, was ein Regisseur namens Luk Perceval im Hamburger Thalia-Theater aus Shakespeares Hamlet gemacht hat.
Perceval nämlich teilt Hamlets Text unter zwei Darstellern auf, stülpt ihnen alberne Kronen aus Pappe oder Blech auf die Köpfe und lässt sie für diese und jene Szene sogar in ein Kostüm zusammennähen. Damit, so Posener, unterstellt Perceval dem Publikum, es sei zu beschränkt, die Gespaltenheit Hamlets zu erkennen, über die der Dänenprinz bekanntlich fortwährend rede. Und: „Ist das Blödsinn, so hat er doch Methode. Dem Zuschauer soll sich an keinem Punkt des Dramas eigene Gedanken machen. Er käme sonst darauf, dass er bei Percevals Psycho-Familienseifenoper um den Inhalt des Stückes betrogen wird.“
Von diesen Anwürfen könnte sich der Thalia-Prinzipal Joachim Lux wohl im Mark getroffen fühlen, und einen Offenen Brief aus seiner Feder über Sinn und Verstand im gegenwärtigen Theater würden wir, um Verständnis bemüht, zur Kenntnis nehmen. Stattdessen aber hat Lux einen Brief an die Chefredaktion der WELT geschrieben und mit gleicher Post ans Publikum adressiert, in dem er einen angeblichen politischen Subtext des WELT-Kritikers aufspießt und Posener vorwirft, „den strafrechtlichen Tatbestand der Volksverhetzung und der Verunglimpfung anderer Religionen“ zu erfüllen.
Denn:  Posener habe in Wahrheit einen der beiden Bearbeiter im Visier gehabt, die dem Regisseur Perceval zu Willen gewesen sind und den Hamlet für die Thalia-Inszenierung filettiert und vorgekaut haben: den „türkischstämmigen“ Feridun Zaimoglu, einen Moslem, den der „durchgeknallte Kritiker“ – so die Quintessenz des Intendanten ­– als  Islamisten entlarven wolle. Außerdem habe Posener mittels eines rhetorischen Kunstgriffs dazu aufgerufen, dass Thalia-Theater abzufackeln.
Hier ein rachedurstiger Zeitungsmann vom Stamme Davids, dort ein braver Gefolgsmann des Propheten Mohamed in Treue zur Weltliteratur? Joachim Lux überschätzt peinlich den eigenen Scharfsinn und bleibt schlüssige Beweise schuldig. Er gaukelt uns vor, sein Bühnenboden sei der Gaza-Streifen,  und er fuchtelt selber mit der Brandfackel.
jn, 23. September 2010

Mittwoch, 15. September 2010

Noch ein Abgang

Der Theatermann Friedrich Schirmer hat den Bettel hingeworfen. Binnen zwei Wochen will er den Intendantensessel im Hamburger Schauspielhaus räumen. Der Grund: Der Senat enthält ihm nicht nur versprochenes Geld vor, er soll auch noch im verabschiedetem Etat Ausgaben von angeblich 300.000 Euro einsparen. Wie es heißt, freut sich Reinhard Stuthder eben ins Amt gelangte Kultursenator der Hansestadt, dass ihm Schirmer keine größeren Scherereien macht.
In den Archiven liegt irgendwo eine Glosse aus Vor-Google-Zeiten begraben, in welcher der Theaterkritiker jn vorschlägt, das Deutsche Schauspielhaus an der Hamburger Kirchenallee zu einer Badeanstalt umzubauen. Grund: ein  fehlendes Tummel- und Trainingsbecken für Freizeitsprotten und künftige Schwimmweltmeister sowie die Unbespielbarkeit der größten deutschen Sprechbühne. Der Vorschlag stand in der Zeitung, als von der inzwischen errichteten Schwimmhalle an der Sechslingspforte, zwei Steinwürfe vom Schauspielhaus entfernt, noch niemand sprach. Insofern war er nicht völlig blödsinnig. Dass nichts aus ihm wurde, wunderte den Glossenschreiber trotzdem nicht. Im Rückblick gibt er zu, dass Hamburg einige Theaterereignisse entgangen wären, wenn die Hanseaten auf ihn gehört hätten, zum Beispiel die Erfolge in der Ära des Intendanten Ivan Nagel oder in jener seines Kollegen Peter Zadek.
Unbespielbar ist das Schauspielhaus wegen der Dimensionen von Bühnenhaus und Zuschauerraum trotzdem. Dass es immer noch bespielt wird, gehört zu den Unbegreiflichkeiten des Bühnenbetriebs; dass die Kulturbehörde stets und ständig mit den Intendanten ums liebe Geld zankte, war eins der unausweichlichen Ärgernisse. Ob jetzt der Rücktritt des Prinzipals Friedrich Schirmer als aufrüttelnde Tat Früchte trägt oder in der allgemeinen Misere verhallt, hängt naturgemäß am Verstand der Obrigkeit.
Tatsächlich gibt es unter den gegenwärtigen Sparzwängen wohl nur drei Möglichkeiten. Entweder der Laden wird dichtgemacht, oder der Betrieb hinkt unter neuer Leitung weiter fürbass, oder die Kunst macht aus der Not eine Tugend. Den Zuschauerraum zu verkleinern, wäre keine große Sache. Man müsste nur die Plätze verschwinden lassen, von denen aus die Bühne ohnehin nicht zu sehen ist. Auf der Bühne aber könnte sich die Chance eröffnen, ehrliches Theater zu spielen. Ehrliches Theater - das wäre armes Theater nach dem Vorbild des Teatr Laboratorium des polnischen Regisseurs Jerzy Grotowski, der den Urgrund der Schauspielkunst, eine Kunst ohne Schminke, Kostüme und Kulissen, wieder beleben wollte – nur spielen sollten seine Schauspieler, und das selbstverständlich gut.
Etwas Ähnliches hat es übrigens in den frühen fünfziger Jahren in Hamburg und anderenorts schon gegeben. Damals inszenierte der Theaterneuerer Heinrich Koch Stücke von Ibsen, Claudel,  Calderon und Shakespeare auf seiner Koch-Platte, einer kreisrunden Scheibe ohne jede Dekoration. Es war gewöhnungsbedürftig, aber wer sich daran gewöhnt hatte, fand es spannender als den gewohnten Aufwand.
jn, 16.08.10

Donnerstag, 9. September 2010

Pressefreiheit

Es gibt kein Wort, das den Auftritt besser trifft, als Chuzpe (jiddisch: חוצפה, hebräisch: חצפה). Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit – alles schön und gut, den durchtriebenen Charme, der jedem Gesprächspartner die Antwort vermasselt, bevor er sie über die Lippen bringt, haben sie nun einmal nicht. Den hat nur Chuzpe, was nicht heißt, dass die so bezeichnete Fähigkeit ein jüdisches Gen zwingend voraussetzt und nicht auch eine in Hamburg geborene und im märkischen Templin aufgewachsene evangelische Pfarrerstochter sie vorzüglich beherrschen kann. Beweis: Angela Merkels Lob der Pressefreiheit gestern in Sanssouci. Zur Chuzpe wurde Merkels Laudatio auf den Karikaturisten Kurt Westergaard von Jyllands-Posten, auf den mit der Bombe in Mohammeds Turban, selbstredend nicht, weil sie die Pressefreiheit in den Himmel hob. Zur Chuzpe wurde die Rede, weil die Bundeskanzlerin eben noch kraft Amtes Thilo Sarrazin wegen gedanklicher Abweichung der Feme der politischen Klasse ausgeliefert hatte. Offensichtlich wollte sie die Kritik abwürgen, in die sie geraten war, und tatsächlich hat sie es geschafft. Sie hat sogar die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka dermaßen verwirrt, dass die Meisterin der Nachfrage das Nachfragen vergaß und es einem Moslem-Offiziellen durchgehen ließ, Thilo Sarrazin frank und frei als Rassisten zu beschimpfen. Vor allem aber wurde der Auftritt der Kanzlerin dadurch zur Chuzpe, dass er sich ausgerechnet im Schloss Sanssouci  ereignete – dort, wo der Alte Fritz und Voltaire im lustbetonten Geist der Aufklärung ihre Gedanken ausgetauscht hatten, bis der Philosoph dem königlichen Eifer in Sachen Gedankenfreiheit nicht mehr traute, er das Weite suchte und Friedrich ihm seine Büttel hinterherschickte – übrigens eine Einzelheit, die Bundespräsident Wulff nicht erwähnte, als er nach seinem Amtsantritt gestand, so einen wie Voltaire hätte er auch gern.

Mittwoch, 8. September 2010

Phänotypische Varianz

„Die genetisch bedingte Varianz (Vg) dividiert durch die phänotypische Varianz (Vph) ist der Erblichkeitskoeffizient. Da sich die phänotypische Varianz aus der genetisch und der umweltbedingten Varianz zusammensetzt, ist der Erblichkeitskoeffi­zient letzten Endes der Quotient aus der genetisch bedingten Varianz (Vg) dividiert durch die genetisch bedingte plus die umweltbedingte Varianz.“ So Manfred Velden zur Sarrazin-Debatte (In Sachen Intelligenz nicht auf Intuition bauen, FAZ vom 08.09.2010). – Verstanden?
Der Beitrag des Professors für Biologische Psychologie zum Thema Zahlen und Erblichkeit ist erhellend. Wir müssen uns das Referat nur in Gänze und in Ruhe zu Gemüt führen, wozu hiermit geraten wird. Im übrigen gilt weiterhin: Eugenik, auch Rassenhygiene genannt, ist des Teufels. Über die Bedeutung der Gene für die Entwicklung der Gesellschaft nachzudenken, ist trotzdem nicht nur erlaubt, sondern unerlässlich.
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Montag, 6. September 2010

Gene? Reflexe? – Versuch eines Raisonnements

Pawlows Hund im Versuch                Abb.: jn-Archiv
As en Kirl an de Sprütt, mit diesem Lob meinte meine Großmutter Feuerwehrleute, die ausrückten, um einen Brand zu löschen. Für Nicht-Plattdeutsche: Wie ein Mann an der Spritze... Betont: der unbestimmte Artikel ein. Ich höre noch heute den Lärm der lodernden Nacht und sehe die Helm- und Nackenschutzträger zu den roten Wagen mit den langen Leitern rennen. Dass unter Brandschützern auch Brandstifter sein können, lernte ich erst später. Doch bleiben wir enger am Anlass: Politiker unterschiedlicher Couleur reagieren einer wie der andere, wenn einer von ihnen aus der Reihe tanzt. Sie rotten sich gegen den Störenfried zusammen, und wenn ihnen genug einfällt, worüber sie sich empören können, setzen sie ihn vor die Tür. (Immerhin sind Praktiken wie Genickschüsse, Nächte der langen Messer, Schauprozesse und Transporte ins KZ und in den GULag weitgehend aus der Mode.) Die Vermutung, dass irgendwo ein Gen in den Politikern lauere, auf das sich ihr kollektives Verhalten zurückführen lasse, mag zwar naheliegen, empfiehlt sich aber nicht zum Vortrag in der Öffentlichkeit; wer von Genen redet, löst massenhafte Gegenwehr aus. Deswegen schlage ich einen Paradigmenwechsel vor: Sprechen wir künftig von bedingten Reflexen statt von Genen. Beim Blättern in der Wissenschaftsgeschichte ergeben sich allerdings auch dann störende Fragen.
Bechterew
           Abb.: jn-Archiv
Ein Reflex ist laut Lehrbuch eine durch den Willen nicht oder nur notdürftig zu beeinflussende unmittelbare Reaktion des Nervensystems auf einen Reiz. Das Lid zuckt, wenn ein Staubkorn ins Auge gerät, ein Säugling, der ein Schwindelgefühl spürt, klammert sich an die Mutterbrust, Bratenduft lässt das Wasser im Munde zusammenlaufen undsoweiter. Allgemeiner gesagt: Reflexe haben elementare Funktionen; womöglich retten sie uns immer wieder das Leben. Und: Auf unwillkürliche Reaktionen sind Mensch und Tier offensichtlich schon bei der Geburt programmiert. – Dieses Bild machte sich die Wissenschaft von den Nervenwegen, bis die russischen Neurologen Wladimir M. Bechterew (1857–1927) und Iwan P. Pawlow (1849–1936) in Experimenten mit Hunden sogenannte bedingte Reflexe nachwiesen. Bechterew brachte seinen Tieren mit einer einigermaßen simplen Versuchsanordnung bei, ohne Harndrang das Bein zu heben. Er traktierte sie mit Stromstößen und ließ gleichzeitig einen Summer ertönen. Nach einer Weile, verzichtete er auf die elektrischen Schläge und ließ es nur noch summen. Die Hunde hoben trotzdem das Bein, und der angestrebte Beweis galt als erbracht. Gene schienen nicht mehr im Spiel zu sein. Bei Pawlow tauchten sie jedoch wieder auf. Er setzte die Speicheldrüsen im Hundemaul in Tätigkeit, indem er beim Füttern eine Glocke anschlug, früher oder später die Nahrung zurückhielt und den Speichelfluss allein durch den Glockenklang auslöste. Die Hunde brauchten unterschiedlich lange, bis sie überzeugt waren, dass der Glockenschlag eine Mahlzeit ankündigte.  Es gab – der Schluss drängte sich auf – von Natur aus kluge, und es gab dumme Hunde.
Pawlow              Foto: jn-Archiv
Die Politik aber erteilte der Wissenschaft eine Abfuhr. Wladimir Bechterew starb an Gift, und erzählt wurde, Stalin selber habe befohlen, dem Forscher den Todestrank zu verabreichen, weil der den großen Jossif Wissarionowitsch, der eben von Lenin den Kreml geerbt hatte, durchschaut und bei ihm eine Paranoia diagnostiziert habe. Die Maßregeln, die Stalin gegen Iwan Pawlow ergriff, waren subtiler. Er gönnte dem Nobelpreisträger einen natürlichen Tod, berief aber Trofim D. Lyssenko zum obersten Genetiker der Sowjetunion, und dieser Bauernsohn aus der Ukraine hatte nichts Eiligeres zu tun hatte, als alle Genetik offiziell für Unsinn zu erklären und mit Versuchen zu beginnen, durch Kreuzung Roggen in Wunderweizen zu verwandeln. Die Folgen waren Hungersnöte, unter denen die Sowjetbürger bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts litten.
Wer wissen will, was passiert, wenn Politikern zu Leuten, die mit eigenem Kopf denken, nichts als Maßregeln einfallen, stößt in der Weltgeschichte des Wissens auf horrende Beispiele. Sie finden sich nicht erst anno 399 v.Chr. in Athen beim Justizmord, den angebliche Demokraten an dem Philosophen Sokrates begingen, und mit Stalins GULag haben sie kein Ende gefunden. Nicht alle Maßregeln sind – zugegeben – gleich grässlich, und ins große Wehret den Anfängen! müssen wir nicht jedes Mal ausbrechen. Wir könnten diese Parole getrost Klaus Wowereit überlassen, der erklärtermaßen schon vor Thilo Sarrazins ungeschriebenem nächstem Buch zittert, bevor er die 464 Seiten gelesen hat, über die er bei Anne Will redet. Wir könnten uns sogar mit bedauerndem Stirnrunzeln begnügen, wenn die Vizepräsidentin des Bundestages Katrin Göring-Eckardt – ebenfalls bei Will – Sarrazin nicht nur vorschreiben will, worüber er schweigen, sondern auch was er auf welcher Seite seines Buches sagen solle. Wenn aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Thomas de Maizière Arm in Arm mit den Spitzenkräften der Opposition Sigmar Gabriel und Claudia Roth die Stimme erheben und einen Autor zur Ordnung rufen und abstrafen wollen, als wäre dies selbstverständlich ihres Amtes, wird es ernst.
Es ist ernst, und dass Politiker wie Wolfgang Bosbach und Klaus von Dohnanyi dem Abweichler Sarrazin nicht an die Kehle wollen, ist ein schwacher Trost, solange es im Politbetrieb nicht mehr Köpfe wie sie gibt.
jn, 6. September 2010

Freitag, 3. September 2010

Keine Meinung über Sarrazin

Das knallrote Buch, das Thilo Sarazzin, vor jede auftauchende Kamera hält, habe ich nicht gelesen.* Wenn ich es gelesen hätte, hätte es mir auch nichts genützt, weil ich mich in der  Literatur, auf die der Verfasser sich beruft und die ihm seine Kritiker um die Ohren schlagen,  nicht auskenne; offenbar handelt es sich um zweierlei Literatur, über Statistik und über Gene. Also begnüge ich mich damit, das Schauspiel zu betrachten, dem ich nicht entgehen kann: Thilo Sarrazin (fast) allein gegen alle – wahlweise: Lauter Experten und ein Brandstifter. Die Experten an erster Stelle, denn anscheinend gibt es außer mir keinen, der kein Experte ist, und Vortritt wem Vortritt gebührt. Wer recht hat? Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur: Selbst wenn alles nichts anderes als haarsträubende Meinung wäre, was  Sarrazin zum Besten gibt, stünde es unter dem Schutz des Art. 5 GG. Und ob für Bundesbanker Ausnahmeregeln gelten, sähe ich gern vom Verfassungsgericht entschieden. Unterdessen macht es sich Sarrazins Partei, die SPD, wohl auch leichter, als sie die Sache nehmen sollte: Als Wertegemeinschaft (Andrea Nahles) macht sie in der offenen Gesellschaft eine unvorteilhafte Figur, und als eine Art Vatikan ist das Willy-Brandt-Haus ungeeignet.

*Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, DVA, München, 464 S., 22,99 €

Mittwoch, 1. September 2010

Vergnügen an Grass

Nach dem Erkundungsgalopp sattele ich die Rezensenten-Rosinante ab, führe sie zurück auf die Weide und gönne mir für dieses Mal das Vergnügen, das Gelände zu Fuß in Augenschein zu nehmen. Weniger blumig: Nach gut fünfzig von 358 Seiten beschließe ich, keine Rezension zu verfassen. Stattdessen stimme ich den Kollegen zu, die Günter Grass für Grimms Wörter – mir eine Nasenlänge voraus – schon die Honneurs dargebracht haben, blättere in dem wunderschönen Buch und genieße den hinreißenden Versuch des Verfassers, der Sprache auf die Schliche zu kommen.
Günter Gras: Grimms Wörter
Steidl, Göttingen, 365 S., 29,80 €
Aus zufälligem Anlass als Kostprobe der Arbeitsweise der Brüder Grimm ein Bruchstück ihrer Auskunft über Galopp, galoppen, galoppieren im vierten Band ihres Deutschen Wörterbuchs: 1,a)  nhd. seit dem 17. jahrh. verzeichnet (nl. schon am ende des 16.: galoppe, waloppe, gradarius cursus, rotundus cursus (...), aber nach dem galopieren aus dem 16. jahrh. gewiss älter: galopp, galoppo (...) teutsch-it. wb. 1678 499a; einen galop reiten, exultanter equitare. (...), auch im 18. länger noch ganz franz. galop, den galop gehen (vom pferde), in galop bringen (...), in vollem galop (...) Als Beispiel für die eigentliche Bedeutung: und hurre hurre, hop, hop, hop! / gings fort in sausendem Galopp (...), als Exempel für ein übertragene Verwendung: „so rennet nun alles in vollem Galopp / und kürt sich im Saale sein Plätzchen.“
Die drei Punkte in Klammern stehen jeweils für Quellen, die heute kaum jemand zur Hand hat – mit Ausnahme vielleicht der beiden letzten; die nämlich sind das 1789 im ersten Band der Gedichte gedruckte und gelegentlich noch in Anthologien auftauchende  Spinnerlied Gottfried August Bürgers, des Autors der Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, sowie Goethes Hochzeitslied aus dem Jahre 1802.
Nur so viel also aus gut anderthalb Wörterbuchspalten zum – wie gesagt zufällig – herausgegriffenen und nicht sonderlich wichtigen Wort Galopp, ein Schnipsel aus anderthalb Spalten von imponierender Gelehrsamkeit, aus einer vergleichsweise knappen Auskunft, das aber hoffentlich den Umgang der Wörtersammler Jacob und Wilhelm Grimm mit den Wörtern hinreichend charakterisiert.
Mit Material dieses Zuschnitts spielt also Günter Grass, in herzlicher Zuneigung zu den Grimms, ihre große Leistung bewundernd und ihr das Seine abgewinnend. Er schildert, wie sie, Mitglieder der Göttinger Sieben, die politischen Bedrängnisse bestehen, die ihnen die Verfassungstreue einträgt, er erörtert die Familienverhältnisse, er bewundert ihren Fleiß und findet heraus, was Jacob von Wilhelm unterscheidet: „Zugleich musste gelesen und gesammelt werden. Schnell greibare und rar gewordene Bücher wurden gewälzt. Es galt, in Schottels und Adelungs überkommenen Wortsammlungen nachzuschlagen, auch wenn Jacob deren Bemühungen eher geringschätzte. Doch hatten die Brüder noch kein System gefunden. Planlos und wie auf gut Glück fraßen sie sich durch den Wörterbrei. Einige Lieferanten mussten, weil unzuverlässig, abgewiesen werden. Von arg war Ärger abzuleiten. Und auch noch das: Im fernen Göttingen schien Wilhelm von wechselnden Stimmungen eingetrübt zu sein – der ihm angeborene Trübsinn. Und Jacob lief Gefahr, sich zu verzetteln.“
Der Unterschied der Temperamente zwischen den Grimms und Grass ließe auf Unvereinbarkeit schließen, wenn nicht das Gegenteil bewiesen würde. Hier vor allem Grübelei, Wissenschaft, vom Kopf und vom Gemüt her betrieben, dort der unbändige Spieltrieb, aber sie passen zusammen. Dass Grass trotzdem Grass bleibt erstaunt am meisten. Selbst den SS-Mann und den SPD-Wahlkämpfer bringt er noch unter, und erstaunlicher Weise schlägt er die meisten Volten ohne die mindeste Peinlichkeit.  Erst als er noch einmal über den Studentenmörder in Polizeiuniform namens Kurras herfällt, reißen die Nähte. Der Kerl und seinesgleichen sind so widerlich, dass jede Aufregung verschwendet ist.
Ich wiederhole es: Die Liebeserklärung unter der Überschrift  Grimms Wörter ist ein hinreißendes Buch. Es ist lange her, dass ich Vergnügen dieser Art an einem frischen Druckwerk gefunden habe. Als anno 1959 die Blechtrommel erschien, ging es mir nicht anders. Vor einem halben Jahrhundert waren wir, Grass und ich, eben über dreißig, und nichts lag uns ferner als der Traum von abgeklärtem Dasein und besonnenem Urteil, also tat ich mein Teil, griff ich mit Lust ins Register und pries Oskar Matzerath. Enttäuschungen blieben nicht aus, Verstimmungen griffen Platz, Streit wurde unumgänglich. Zurückzunehmen habe ich kein kritisches Wort, und dass wir gegen Ende doch noch gelernt haben, moderate Töne anzuschlagen, wäre allein kein Grund, die Hand auszustrecken. Den Anlass liefern jetzt Grimms Wörter.