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Donnerstag, 30. September 2010

Schill ad portas

ein Schrecken in der Morgenstunde: Ich überquere zu Fuß eine Kreuzung. An der Ampel wartet ein Truck, der die Route 66 mühelos bewältigen würde. Ebenso voluminös wie sein Fahrzeug thront der Fahrer hinter dem Steuer. Im Fenster vor sich hat er die BILD-Zeitung ausgebreitet, als wäre ihre Balken-Überschrift die Freudenbotschaft des Tages an mich, den Mann aus dem Volke: Schill zurück in Hamburg. Daneben prangt ein Foto Schills. Der Rechts-außen-Senator, mit dessen Hilfe sich der weiland Hamburger Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) an der Macht gehalten hat,  bis ihm der Kollege sittlich-moralisch ans Leder wollte, trägt Al Capones Sonnenbrille auf der Nase.
BILD im Fenster eines Ritters der Straße als Schills mobile Plakatsäule? Ich darf behaupten, dass ich von Natur nicht sonderlich ängstlich bin, aber der Anblick reicht für eine Gänsehaut.
Mit den besten Grüßen Ihr Jost Nolte

Freitag, 12. März 2010

Teofila Reich-Ranicki 90

Walter Boehlich, erst ein hoch angesehener Lektor bei Suhrkamp, dann ein Übersetzer, der die mei­sten seiner Kollegen in den Schatten stellte, und – was hier besonders interessiert – der Herausgeber einer Dokumentation über Heinrich von Treitschke und den Berliner Anti­semitismusstreit, sagte: „Sie als Pole...“ Wie zu erwarten, ging Marcel Reich-Ranicki an die Decke: Die Nazis hatten ihn 1938 über die grüne Grenze nach Polen abgeschoben, weil sein Vater Pole war; das änderte nichts daran, dass er,  M.R.-R., Deutscher war. Und: Boehlich, den es gekränkt hatte, dass ihn die Wehrmacht nicht in ihre Reihen hatte aufnehmen wollen, weil er laut Nürnberger Gesetz als „jüdisch versippt“ galt, sollte seine Zunge hüten.
Boehlich hätte es besser wissen und sich die flapzige Bemerkung sparen können. Ich nahm ohne weiteres an, dass er es besser wusste und M.R.-R. absichtlich ärgerte, aber mir als astreinem Goi und Ohrenzeugen war die Szene unangenehm, und ich vergewisserte mich, wie Teofila Reich-Ranicki reagierte. Sie schwieg und lächelte.
Dieses stille Lächeln lächelt sie oft. Es signalisiert ihre Lebensklugheit und ihren Charme, zwei Eigenschaften, die ihre schlimmsten Tage, die Tage des Überlebens während der Schoah, nicht zerstören konnten. Inzwischen ist die Klugheit längst zur Weisheit herangereift, und dass der Anteil seiner Frau an seinem Leben das Beste ist, was M.R.-R. widerfahren konnte, weiß und würdigt er gern. Dass sie darüber hinaus ein Mensch aus eigenem Recht ist, sollte ebenfalls selbstverständlich sein, aber an der Seite eines begna­deten Selbstdarstellers ist der Anspruch nun einmal schwer durchzusetzen.
Teofila Reich-Ranicki hat ihn trotzdem durchgesetzt. Kraft dessen, was Persönlichkeit heißt. Anders als ihr Sohn, der gescheit genug war, dem Vater nicht ins Gehege zu kommen und Mathematiker statt Literat zu werden, hat sie auf eine eigene Karriere verzichtet. Dass sie das Zeug zu ihr gehabt hätte, bewei­sen zwei Bücher: die mit verblüffenden Zeichnungen illustrierte Abschrift aus Erich Kästners Lyrischer Hausapotheke,  die sie ihrem  Mann 1941 im Warschauer Getto zum Geburtstag schenkte, und die Bilder in dem Band Es war der letzte Augenblick, der die elende Existenz im Getto-Alltag schildert.  Es sind Bilder eines Anfangs in der Kunst unter unsäglichen Umständen, aber sie beweisen den Mut zur eigenen Begabung. Leider ist es bei diesem Anfang geblieben.
Heute wird Teofila Reich-Ranicki neunzig Jahre alt. Ich erlaube mir, mit einem alten Segensspruch zu gratulieren: Hundertzwanzig soll sie werden.
                                                                                                              Jost Nolte
Bilder aus: Es war der letzte Augenblick
Es war der letzte Augenblick. Leben im Warschauer Ghetto. Zeichnungen von Teofila Reich-Ranicki mit einem Text von Hanna Kral, DVA, Stuttgart 2000, 119 S., 19,90 €
Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke: 56 Gedichte im Warschauer Getto aufgeschrieben und illustriert von Teofila Reich-Ranicki, DVA, Stuttgart 2000, 184 S., 21,95 €